Die anti-ableistische Aktion Lüneburg hat den Zugang zu einem Sportbad für Gehbehinderte Menschen gefordert. Sie fordert einen Umbau des bislang nur durch eine Treppe erreichbaren Sportbades sowie die unbürokratische Übernahme von Taxikosten zum nächsten Sportbad. Der Brief richtete sich an OB Claudia Kalisch. Sie lies den Geschäftsführer des Salü den Brief beantworten. Ein ungewöhnlicher Vorgang. Üblich ist dass sie Stellungnhamen einholt (hier vom Salü) aber dann persönlich antwortet.
Die Antwort bewertet die anti-ableistische als ableistisch. Wir dokumentieren die Antwort des Geschäftsführers sowie die Rückmeldungen von der anti-ableistischen Aktion und vom Behindertenbeirat.
Antwort des Salüs
Liebe Mitglieder der Anti-Ableistischen Aktion Lüneburg,
vielen Dank für Ihren offenen Brief, den wir gerne noch einmal zum Anlass nehmen wollen, mit Ihnen um das Thema „Barrierefreiheit im SaLü“ ins Gespräch zu kommen. Die von Ihnen angeschriebene Frau Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch hat mir als Geschäftsführer des SaLü die Beantwortung Ihrer Anfrage übertragen und mich auch darum gebeten, den Behindertenbeirat sowie meinen Aufsichtsrat mit in Kenntnis zu setzen.
Wir hatten in einem Vor-Ort -Termin mit Frau L. eingehend über dieses Thematik gesprochen, hatten erläutert, warum es in Bädern aus unserer Sicht eine Barrierefreiheit im definierten Sinne nicht geben kann, vielmehr maximal eine Barrierearmut zu erreichen sei. Ich hatte dabei Frau Lecomte die (Bau-)Geschichte des Hauses erläutert sowie die Herausforderungen bezüglich der Schaffung einer verbesserten Situation hin zu Barrierearmut herausgestellt. In Augenschein genommen wurden hierbei insbesondere die Maßnahmen während des großen Umbaus von 2018 – 2021, welche zu deutlich verbesserten Situationen hin zu einer Nutzungsmöglichkeit für Alle geführt hatten. Als Beispiele hierfür seien exemplarisch genannt:
Verbesserung der akustischen Situation in Eingangsbereich und Wasserviertel
Installation automatischer „Gruppentüren“ , welche durch Mitarbeiter der Kasse nach dem Betätigen einer Klingel geöffnet werden können und Menschen Einlass gewähren, welche die Drehsperren nicht durchschreiten können
Bau von rollstuhlgerechten Rampen im Wellenbad sowie in die Sauna zur Überbrückung baulich bedingter Höhenversatze der Einzelgebäude (hier ist maßgeblich unser Richtlinie für den Bäderbau KOK der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen – Vorgegeben sind hier maximale Steigungen und die Notwendigkeit von Einbringung von Zwischenplattformen)
Bau eines Strandauslaufes bei dem Wellenbecken, der ein Einstieg in das Wellenbecken ohne Treppen ermöglicht
Bau einer Personentransportplattform von der Liegegalerie in das tieferliegende Heidemoor
Vorhalten eines transportablen Einlasskrans im Heidemoor
Vorhalten behindertengerechter Duschen und Toiletten
Vorhalten entsprechend gestalteter Umkleidekabinen
Vorhalten von Rollstühlen zur Nutzung in der Anlage (im Tausch gegen den eigenen Rollstuhl zur Schonung dessen und Vermeidung von Schmutzeintrag)
Schaffung barrierefreier Zugänge in Shop und Bistro
Schaffung eines separaten barrierefrei zu erreichenden Sitzbereiches in der Badgastronomie
Beachtung sämtlicher Vorgaben von Mindestzugangsbreiten
U.v.m.
Wir bedauern sehr, dass in Ihren aktuellen Betrachtungen diese Maßnahmen in keiner Weise Erwähnung finden und Sie sich ausschließlich auf die Situation unseres Sportbades fokussieren.
Der Termin mit Frau Lecomte wurde von mir insbesondere auch genutzt, auf weiter bestehende Probleme hinzuweisen – insbesondere beim Sportbad, dessen bauliche Situation eine barrierefreie / -arme Zugangsmöglichkeit nicht zulässt. Es gibt von allen Zugangsseiten aus einen Versatz in den Ebenen zu den anderen Gebäuden. Diese Situation ist baulich aus unserer Sicht nicht abänderbar, bzw. nur mit massiven Mitteln und unter deutlicher Einschränkung des Betriebs. Auch nach nochmaligen Überlegungen scheint uns eine für sie zufriedenstellende bauliche Änderung dieser Situation nicht möglich.
Es wird aktuell gerade mit dem Behindertenbeirat der Hansestadt Lüneburg sowie dem Haftpflichtversicherer des Kurzentrums geklärt, ob das zur Verfügung stellen einer mobilen Lösung ein gangbarer Weg wäre:
https://barrierefrei.de/shop/rollstuhlrampe-flaechenrampe-2teilig.html
Hier wäre allerdings von vornherein zu beachten, dass eine solche Lösung von uns nicht betrieben werden dürfte – es gäbe somit einen Gefahrenübergang auf den / die Nutzer der Rampe – eine Hilfeperson wäre obligatorisch (15 % Steigung)!
Bereit stehen könnte eine solche mobile Lösung dann am Durchgang Sauna / Sportbad.
Es wäre dann zu bedenken, dass der Weg in das Sportbad dann immer durch den Saunabereich gehen würde! Das Umkleiden und Duschmöglichkeiten gäbe es dann im SaLü.
Effektiver und sofort umsetzbar wäre ein anderer Vorschlag:
Betroffene können das SaLü an Wochentagen außerhalb der Ferienzeiten zu sportlicher Tätigkeit oder zur Erholung z.B. nachmittags nutzen und zahlen hier lediglich den Sportbadtarif. Auch über ein separates Angebot in unserem Kurs- Bewegungsbeckenbereich kann man nachdenken.
Sie sehen, es gibt diverse Varianten, über die wir gerne mit Ihnen in weitere Gespräche gehen würden.
Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung.
Mit freundlichen Grüßen
D. G.
Geschäftsführer
Antwort der anti-ableistischen Aktion Lüneburg
Sehr geehrter Her G., sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Kalisch,
wir wundern uns darüber, eine Antwort von den Salztermen Lüneburg zu erhalten und nicht von Frau Oberbürgermeisterin Kalisch. Unser offener Brief richtete sich nämlich an Frau Kalisch.
Wir sind darüber hinaus von der Rückmeldung sehr enttäuscht. Wir haben nicht nach Selbstlob seitens des Salüs für Bereiche, die zugänglich gemacht wurden, gefragt. Außerdem sind noch zu viele Bereiche weiterhin nicht barrierefrei nutzbar, teilweise sogar, obwohl eine Änderung einfach wäre. Das geäußerte Bedauern ist ableistisch. Barrierefreiheit ist kein besonderer Service, sondern ein Grundrecht. Von nicht-behinderten Menschen wird nicht erwartet, dass sie sich dafür bedanken, dass sie das Angebot des Salüs nutzen können.
Unser Brief bezog sich ausschließlich auf das Sportbad. Nicht auf die übrigen Angebote im Salü. Es geht uns um Sport, nicht um Reha. Und es geht um Teilhabe.
Die vorgestellte Übergangslösung ist leider keine. Sie ist nicht barrierefrei. Eine solche Rampe ist zu schwer und unhandlich. Mit den Salü-Rollstühlen ist sie zudem nicht sicher berollbar. Wir sehen kritisch, dass die Verantwortung auf Einzelne abgewälzt wird.
Wir bleiben daher bei unserer Forderung an die Politik nach einer barrierefreien Übergangslösung, nämlich der unkomplizierten Übernahme von Rollstuhltaxi-Kosten zum nächsten barrierefreien Sportbad.
Langfristig braucht es eine barrierefreie Lösung vor Ort. Wir möchten der Darstellung, eine Änderung der baulichen Situation sei nicht möglich, ausdrücklich widersprechen. Unseres Wissens wurde dazu nie ein Gutachten im Auftrag gegeben!
Wer Barrierefreiheit ernst nimmt, findet Lösungen.
Mit freundlichen Grüßen,
Anti-ableistische Aktion Lüneburg
Antwort vom Behindertenbeirat
Sehr geehrte Herr Günther,
gerne gehen wir mit Ihnen und der Anti-Ableistischen-Aktion in einen konstruktiven Austausch darüber, welche Möglichkeiten es für einen barrierefreien Zugang zum Sportbad geben könnte.
Wir als Beirat sprechen uns allerdings schon jetzt gegen die von Ihnen vorgeschlagene Lösung einer mobilen Rampe aus zweierlei Gründen:
- der Hauptgrund: Die Lösung ist nicht barrierefrei, da eine Begleitperson zwingend vorhanden sein muss,
- ist zwar vom Hersteller angegeben, dass 15% Steigung von einer „schwachen Hilfsperson“ zu bewältigen sei, wir das aber aus unserer Erfahrung heraus stark bezweifeln – vor allem weil wir von feuchten Räumen bzw. Böden sprechen. Wir sehen ein erhebliches Gefahrenpotential für Rollstuhlnutzende und „Hilfspersonen“.
Ihr Angebot, dass Betroffene das SaLü zu sportlicher Tätigkeit nutzen und nur den Sportbadtarif zahlen müssen, ehrt Sie. Leider geht es aus unserer Sicht am geschilderten und tatsächlichen Bedarf für Menschen mit Behinderungen vorbei.
Wie ich Ihnen in unserem Telefonat bereits erläuterte, geht es rein um Sport- bzw. Paraschwimmen, das leider auch in einem 18m Becken im SaLü nicht möglich ist.
Zudem würde durch diese „Lösung“ tatsächlich eine (finanzielle) „Besserstellung“ von Menschen mit Behinderungen stattfinden, die wir aus oben genannten Gründen für sinnlos halten.
Ein Abbau von Barrieren und ein Ausgleich für die Mehrbelastung durch Behinderungen ist kein Vorteil gegenüber Menschen ohne Behinderungen, sondern eben ein Nachteils-Ausgleich.
Wir schlagen daher vor, dass wir uns zu einem gemeinsamen Austausch treffen und noch mal gemeinsam nach möglichen Lösungen suchen.
Es wäre schön, wenn Sie uns drei Termine nennen könnten, an denen Sie für ein konstruktives Gespräch Zeit haben – gerne im Januar 2026. Wir können dann sicher einen Termin finden, der allen passt.
Vielleicht fallen Ihnen auch noch Personen ein, die an diesem Termin teilnehmen sollten?!
Ich freue mich auf Terminvorschläge von Ihnen und bedanke mich sehr für Ihre Zeit und Ihr Engagement in dieser Angelegenheit.
Mit freundlichen Grüßen,
D. L.
Vorsitzende
Behindertenbeirat
Stadt und Landkreis Lüneburg