50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung
Aus: GWR 509 Mai 2026
Udo Sierck: Frech und frei. 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung, Assoziation A, Hamburg/Berlin 2025, 152 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-86241-514-4
Udo Sierck erzählt über 50 Jahre Kämpfe der Behindertenbewegung, aus der Selbstbestimmt-Leben-Perspektive. Behinderte Menschen sind keine Opfer, die Mitleid erfahren wollen oder sollen, sondern Akteur*innen, selbstbestimmte Menschen. Sie kämpfen gegen Aussonderung und Diskriminierung.
Die Anfänge prägten der Rollstuhl fahrende Sozialarbeiter Gusti Steiner, mit dem Motto „Behindert sein ist schön“, und die Autorin Christa Schlett. Sie erklärte, Rebellion sei Sinn des schwerbehinderten Lebens. An der Frankfurter Volkshochschule wurde in der Folge der Kurs „Bewältigung der Umwelt“ angeboten, mit dem gesellschaftspolitischen Modell von Behinderung im Mittelpunkt. Die Gesellschaft behindert uns. Menschen wurden aufgeklärt und zum Handeln ermutigt.
Es folgte 1977 die Gründung der ersten „Krüppel-Gruppe“. Krüppel als offensive Selbstbezeichnung. Wir sind Krüppel? Na und. Wir sind genauso wie Nicht-Behinderte Teil dieser Gesellschaft.
Bekanntheit erlangte die Bewegung 1981 anlässlich des internationalen Jahres der Behinderten, ausgerufen durch die UN.
Ein Höhepunkt war die Eröffnung der Rehabilitationsmesse in Düsseldorf, wo der Krüppelaktivist Franz Christoph den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens auf der Bühne mit seiner Krücke schlug.
Die Krüppel-Gruppen organisierten außerdem eine Gegenveranstaltung: das „Krüppel-Tribunal“.
Das Buch führt uns weiter durch die Kämpfe der Behindertenbewegung der 70er und 80er Jahre: Kampf für einen barrierefreien ÖPNV, gegen die Aussonderung in Sonderschulen, Werkstätten und Heimen. Selbst wenn viel erreicht wurde: Viele Forderungen und Kämpfe bleiben aktuell.
Wenn es nötig war, schreckte die Krüppelbewegung nicht vor Kritik an anderen politischen Akteur*innen zurück. Die feministische Bewegung zum Beispiel, die auf ihren Kampf für das Recht auf Abtreibung fokussiert blieb, ohne den Kampf behinderter Menschen eine Familie gründen zu dürfen, zu unterstützen. Viele Betroffene wurden damals zwangssterilisiert. Heute wird immer noch ihre Fähigkeit, sich um Kinder zu kümmern, angezweifelt. Immer wieder werden Kinder von ihren behinderten Eltern getrennt, anstatt Unterstützung in Form von Hilfsmitteln, persönlicher Assistenz etc. zu organisieren.
A propos Feminismus: Das Buch verdient Kritik. Es ist sehr binär mit Bezug zu „Mann“ und „Frau“ geschrieben. Queere Menschen finden in dem Buch nicht statt.
Die „Lebenshilfe“ und andere Wohlfahrtsorganisation, die durch Aktive aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung als „WohlTÄTER-Mafia“ kritisiert wurden, spielten eine unrühmliche Rolle. Udo Sierck erzählt von der Geschichte eines Kindes, genannt Gloria. Es bestand der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs durch einen 20 Jahre älteren Mann. Die Reaktion der „Lebenshilfe“ damals? Wenn das Kind wieder an einem Freizeitangebot teilnehmen wolle, sollte die Mutter es sterilisieren lassen.
Das Buch erzählt außerdem von wichtigen Auseinandersetzung zum Thema Eugenik, Bioethik und Sterbehilfe. Und von dem großen Protest gegen einen Kongress der Lebenshilfe mit der Einladung von Bioethiker Peter Singer, der die Tötung von behinderten Neugeborenen befürwortete. Die Auseinandersetzungen sind weiterhin aktuell: Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe, Triage, etc.
Ableistische Weltbilder der Mehrheitsgesellschaft spiegelten sich in der Rechtsprechung wider. Udo Sierck widmet diesen Urteilen und dem Protest dagegen ein Kapitel. Nicht selten wurde Urlauber*innen Schmerzensgeld oder Reisepreisminderung wegen Qualitätsmangel ihrer Reise zugesprochen, weil der Anblick auf eine Gruppe behinderter Menschen im Hotel „ekelerregend“ gewesen sei und das Wohlbefinden der Kläger beeinträchtigt habe. Solche Formulierungen sind heute nicht mehr in Urteilen zu finden. Ableistische Diskriminierung bleibt aber auf der Tagesordnung von Gerichten. Behinderte Menschen, insbesondere Menschen mit Lernfähigkeiten, werden vor Gericht als nicht glaubwürdig oder gar als nicht aussagefähig eingestuft. Selbst als Opfer sexueller Gewalt. Als politische Aktivistin, chronisch krank mit einer Gehbehinderung, muss ich auch gegen ableistische Polizei und Gerichte ankämpfen. Das Amtsgericht Essen war zum Beispiel neulich der Auffassung, die Polizei dürfe mich dazu auffordern aufzustehen und Schmerzen zufügen, wenn ich dies nicht freiwillig tue. Ob ich das körperlich kann? Irrelevant. Selber Schuld, ich muss nicht demonstrieren gehen. Ich setzte mich schließlich nach achteinhalb Jahren und mehreren Instanzen durch.
Ein Meilenstein für die Selbstvertretung behinderter Menschen und den Kampf um
Selbstbestimmung war 1991 die Gründung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, ISL e.V.
Eine andere Errungenschaft sind die „Disability studies“. Diese verstehen Behinderung nicht als behandlungsbedürftiges Problem, sondern als gesellschaftliche Differenzkategorie. Das Konzept kam aus den USA und wurde an deutschen Universitäten übernommen, es wurde gelehrt und geforscht. Es fiel aber 2025 in Köln und Hamburg Budgetkürzungen zum Opfer. Ein großer Verlust.
Das Diskriminierungsverbot aus dem Grundgesetz und die UN-BRK (UN-Behindertenrechtskonvention) haben einen eigenen Kapitel. Trotz Ratifizierung durch Deutschland und Inkrafttreten, wird bis heute gegen die UN-BRK verstoßen. Jüngstes Beispiel ist das Behindertengleichstellungsgesetz, dass durch die Behinderten-Community heftig kritisiert wird, weil diese ableistische Muster (Behinderte Menschen sind eine Last) und Barrieren weiter verankert. Die Privatwirtschaft muss nur dann Barrierefreiheit gewährleisten, wenn das keine zu große finanzielle Last darstellt.
Das Buch geht gegen Ende auf aktuelle Kämpfe ein, wie die gegen Autoritarismus und den Rechtsruck der Gesellschaft. Aufe die Gründung von „Krüppel gegen Rechts“ wird hingewiesen.
Im letzten Kapitel setzt sich Udo Sierck kritisch mit einer zu brav gewordenen Behindertenbewegung auseinander, die stark institutionalisiert und weniger auf der Straße ist. Außer beim ritualisierten Protest am 5. Mai. Der durch die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung ins Leben gerufene Protesttag wird seit Jahren durch die „Aktion Mensch“ mit ihren finanziellen Ressourcen gekapert.
Das Buch enthält zahlreiche historische Illustrationen. Meine Lieblingsillustration? Ein Cartoon: „Unser Musterkrüppelchen: Dankbar, lieb, ein bißchen doof, leicht zu verwalten“. Der Traum der WohlTÄTER-Mafia.
Eichhörnchen
